Angewandte
Geophysik
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         Bild: ESA

DIE FEUERKUGEL VON BRAUNSCHWEIG

Torsten Poppe
und
Jürgen Blum, Ingo von Borstel, Carsten Güttler, Daniel Heißelmann,
Anne Hemshorn, Maya Krause, Rainer Schräpler, Jens Teiser



Am 11. Juni 2006 wurde aus dem Braunschweiger Land die Beobachtung einer Feuerkugel gemeldet. Weitere Zeugenaussagen ergaben, daß sie etwa über Magdeburg aufleuchtete und einige Kilometer südöstlich von Wittenberge erlosch. Die Einzelheiten lassen einen Meteoritenfall wahrscheinlich erscheinen.



Meteoritenfunde sind ein seltenes Ereignis. Auf dem heutigen deutschen Staatsgebiet sind seit es moderne Wissenschaft gibt, also seit etwa 200 Jahren, rund 50 Meteorite gefunden worden, der letzte im Jahre 2002. Die typische Masse der aufgefundenen Meteoriten ist von der Größenordnung 1 kg.
Nur vergleichsweise selten wurden Meteorite mit Massen unter 100 g oder über 10 kg gefunden. Meist zeichnen sie sich durch ein fast schwarzes, von Schmelzspuren bestimmtes Äußeres aus.
Der Eintritt der Meteoroide in die Atmosphäre erfolgt mit Geschwindigkeiten über 11 km/s, oft einem Vielfachen davon. Die hohe Geschwindigkeit führt durch Reibung an der Atmosphäre zu Leuchterscheinungen wie bei dem in Abbildung 1 dargestellten Beispiel. Reibungskräte und Reibungshitze künen auch zu einem Zerbrechen oder gar zu einer vollständigen Auflösung des Meteoroiden führen, so daß mehrere Bruchstücke oder gar kein Meteorit die Erde erreicht. Manche Feuerkugeln sind kometaren Ursprungs. Sie leuchten in großen Höhen auf und werden von Objekten sehr geringer Festigkeit verursacht, die beim Eintritt in die Atmosphäre zerstört werden, sodaß kein Meteorit fällt. Andere Objekte, die ihren Ursprung hauptsächlich als Trümmerstücke von Asteroidenkollisionen haben, bestehen aus festerem Material, wodurch ein Meteoritenfall wahrscheinlich ist. Sie leuchten in niedrigeren Höhen auf.


Meteoritenfall

Abbildung 1: Beispiel einer Feuerkugel.
Fotografien der Braunschweiger Feuerkugel sind nicht bekannt.


DER ZEITPUNKT DES EREIGNISSES

Der 11. Juni war ein fast wolkenloser, sehr warmer Tag, dessen Tagestemperaturen 25 Grad Celsius überstiegen und dessen Besonderheit eine ganz extrem gute Sicht war. Der meistgenannte Zeitpunkt der Feuerkugelsichtung ist 22.10 Uhr; um diese Zeit war die Sonne im Braunschweiger Land zwar schon untergegangen, es war aber noch hell. Um 22.10 Uhr wurde das Fußballweltmeisterschaftsspiel Angola gegen Portugal übertragen, das gemeinhin eher zu den mit weniger Interesse verfolgten Spielen gehörte. Insofern ist anzunehmen, daß dennoch viele Leute zum Zeitpunkt des Ereignisses draußen waren.


ERSTE MELDUNG UND DIE SUCHE NACH ZEUGEN

Als Erste meldete sich am IGEP eine Zeugin aus Kissenbrück südlich von Wolfenbüttel, die das Ereignis während einer Radfahrt in nordöstlicher Richtung beobachtet hatte und einen Meteoriteneinschlag in einem großen Rübenfeld neben der Straße vermutete.
Es setzte sich schnell die Einschätzung durch, daß das Ereignis weiter entfernt stattgefunden haben könnte, und weitere Zeugen wichtig wären.
Nach einem Artikel über die Beobachtung in der „Braunschweiger Zeitung“ vom 15. Juni 2006, der einen Zeugenaufruf enthielt, meldeten sich über dreißig Zeugen aus dem Braunschweiger Land, von Wagenhoff nördlich von Gifhorn bis Salzgitter-Ringelheim im Westen sowie Schöningen im Südosten. Alle hatten das Ereignis im Osten oder Nordosten beobachtet, und so wurde schnell deutlich, daß weitere Zeugen aus anderen Gegenden nützlich sein könnten.
Ein weiterer Zeugenaufruf erschien deshalb am 20. Juni 2006 in der „Magdeburger Volksstimme“ in einem ausführlichen, sehr guten Artikel auf der Titelseite. Als Folge meldeten sich etwa siebzig Zeugen, vorwiegend aus Magdeburg, aber auch aus der Altmark und wenigen anderen Gegenden.
Veranlaßt durch diesen Artikel gab die dpa eine Mitteilung heraus, die zu einer sehr umfangreichen auch überregionalen Berichterstattung ber das Ereignis führte. Als sich die Lage des Erlöschungspunktes klarer abzeichnete, erschienen am 1. Juli 2006 in der „Landeszeitung“ aus Lüneburg und in der „Märkischen Allgemeinen“ noch Zeugenaufrufe, die aber keine brauchbaren Ergebnisse mehr lieferten.


ERGEBNISSE DER ZEUGENBEFRAGUNG

Das Aussehen der Feuerkugel wird als hell und gleichmäßig leuchtender Ball mit kurzem Schweif und manchmal sich ablösende Leuchterscheinungen („Wunderkerze“, „Flammen“) beschrieben, die offenbar vorwiegend am oberen Ende der Bahn gesehen wurden. Als Farbe wurde bei weitem am häufigsten weiß, gelb oder weißgelb genannt, selten orange, rot oder einmal Bengalfeuer. Die häufigst genannte Dauer der Leuchterscheinung ist fünf Sekunden, wobei vermutlich niemand das Ereignis über die ganze Zeit von Beginn bis Erlöschen gesehen hat. Die Größenschätzungen variieren derart, daß sie als unbrauchbar einzustufen sind. Niemand hat etwas gehört.

Eine besondere Bedeutung kommt allen Zeugenaussagen zu, die das Erlöschen gesehen haben und somit die Richtung einer gleichzeitigen Beobachtung beschreiben können, die zudem am nächsten am Ort eines denkbaren Meteoritenfalls liegt. Abbildung 2 zeigt als Wahrscheinlichkeitsfeld die Gegend, in der die Leuchterscheinung nach den Zeugenaussagen erloschen ist sowie die Orte, von denen das Erlöschen gesehen wurde.


Abb. 2.1

Abb. 2.2

Abb. 2.3

Abb. 2.4


Abb. 2.5

Abb. 2.6


Abbildung 2: Wahrscheinlichkeitsfeld des Erlöschungspunktes


Anhand der von den Zeugen angegebenen Elevation ist in Abbildung 3 die geschätzte Höhe des Erlöschungspunktes mit 25 km als wahrscheinlichstem Wert zu sehen sowie der wahrscheinlichste Bahnverlauf. Die Angaben zur Höhe könnten beträchtliche Fehler aufweisen, da nachträgliche Elevationsschätzungen offenbar schwierig sind. Niemand hat die Bahn südlich von Magdeburg gesehen, womit über oder leicht südöstlich der Stadt ihr Anfang zu vermuten ist.



Abbildung 3


FRÜHERE METEORBEOBACHTUNGEN MIT METEORITENFUNDEN

Im Jahre 2002 fielen drei Meteorite, Bruchstücke desselben Körpers von je etwa 2 kg Masse, in der Nähe des Schlosses Neuschwanstein (Dieter Heinlein, Die Feuerkugel vom 6. April 2002 und der sensationelle Meteoritenfall „Neuschwanstein“, herausgegeben vom Autor, 2004). Die Bahn der nächtlichen Feuerkugel wurde von Himmelsbeobachtungskameras des Europäischen Feuerkugelnetzwerks des DLR aufgezeichnet, sodaß die Flugbahn rekonstruiert und der Fallort für eine Suche eingegrenzt werden konnte. Die Feuerkugel erlosch in 16 km Höhe; die Funde wurden viele Monate später gemacht.
Leider war die Himmelsbeobachtung durch das Feuerkugelnetzwerk zum Zeitpunkt des Erscheinens der Braunschweiger Feuerkugel noch nicht eingeschaltet, weil es noch hell war.
Zur Eingrenzung des Fallgebietes wurde auch eine Simulation der Dunkelflugbahn, das heißt der Bahn, die nach dem Erlöschen zurückgelegt wurde, vorgenommen. Für den Meteorit "Neuschwanstein", der eine nicht untypische Masse hat, ergaben sich ohne Berücksichtigung des Windes etwa 4 km. Es ist deshalb naheliegend, auch bei der Feuerkugel von Braunschweig davon auszugehen, daß ein möglicher Meteorit nach dem Erlöschen noch einige Kilometer über Grund weiterflog, bevor er aufschlug.

Im Jahre 1916 fiel bei Treysa ein Meteorit, dessen Feuerkugel im 100-km-Umkreis gesehen wurde. Alfred Wegener hat durch die Auswertung von Zeugenbefragungen den Einschlagsort eingegrenzt, sodaß letzlich der Meteorit gefunden werden konnte. Das Vorgehen, das dem unsrigen ähnlich ist, ist sehr sorgfältig dokumentiert (Alfred Wegener, Das detonierende Meteor vom 3. April 1916, 3 1/2 Uhr nachmittags in Kurhessen, N.G. Elwert-Verlag Marburg, 1916).
Alfred Wegener hatte verglichen mit unserer Suche den Vorteil, daß er Zeugen aus allen Himmelsrichtungen um den Einschlagort und aus nächster Nähe befragen konnte. Die Feuerkugel erlosch in 16 km Höhe. Obwohl der Meteorit mit 60 kg ganz ungewöhnlich groß war, sind Schallwahrnehmungen mit wenigen Ausnahmen nicht über den 40-km-Umkreis gemacht worden.
Wir schließen daraus, daß angesichts der Entfernung, aus der Zeugen die Feuerkugel von Braunschweig gesehen haben, fehlende Schallwahrnehmungen nicht gegen einen Meteoritenfall sprechen.


SCHLUSSFOLGERUNGEN


DANKSAGUNG

Wir bedanken uns bei allen Zeugen für ihre gewissenhaften, sorgfältigen Schilderungen sowie bei der „Braunschweiger Zeitung“, der „Magdeburger Volksstimme“, der „Landeszeitung“ aus Lüneburg und der „Märkischen Allgemeinen“ für die Veröffentlichung von Zeugenaufrufen.

 
aktualisiert: 14.03.2007 IMPRESSUM webmaster verantwortlich: Dr. T. Poppe