1874 wurde Milne an das Imperial College of Engineering in Tokio berufen. Dieses College war 1873 von der japanischen Regierung gegründet worden, um möglichst schnell westliche Technologie in Japan bekannt zu machen. In sieben Monaten reiste Milne auf dem Landweg über Petersburg, Moskau, Irkutsk, durch die Mongolei und China nach Japan. Am Imperial College hatte er Geologie und Bergbau zu unterrichten. In seiner Freizeit machte er Reisen in und um Japan. Dabei verliebte er sich in Vulkane und Erdbeben. Er besuchte etwa 50 Vulkane, dann wandte sich aber sein ganzes Interesse der Erdbebenforschung zu.
Auf Grund seiner Kenntnisse in Mechanik entwickelte er zuverlässige Seismographen und gründete 1880 die Seismological Society. Das mittelstarke Beben vom 22. Februar 1880 in Yokohama („Milnes Erdbeben") wurde von ihm und der Seismological Society als erstes in allen Einzelheiten untersucht. Milne verstand es, andere für seine Ideen zu begeistern und arbeitete gern mit anderen zusammen. Von den ebenfalls am Imperial College tätigen britischen Kollegen standen ihm am nächsten Alfred Ewing und Thomas Gray. Mit ihnen entwickelte er die Seismographen, wobei er selbst vor allem die Aufgabe des Testens übernahm. 1891 gab er mit Burton ein Buch „The Great Earthquakes of Japan" heraus, welches sehr gute Photos enthält. Seine wichtigsten japanischen Mitarbeiter waren Sekiya, der erste Professor für Seismologie auf der Erde und Omori, der eigentliche Nachfolger Milnes.
Die Forschungsarbeiten Milnes erstreckten sich über ein weites Feld, welches in den 20 Bänden der Transactions of the Seismological Society of Japan seinen Niederschlag fand: Konstruktion von Seismographen, räumliche und zeitliche Verteilung der Erdbeben, Erdbebenschäden an Gebäuden und seismische Experimente, bei denen Sprengungen oder Fallgewichte künstliche Erdbeben verursachten.
1881 heiratete Milne eine Japanerin, Tochter eines buddhistischen Priesters. Unser Bild zeigt John Milne und seine Frau Toné. 1895 verbrannte Milnes Haus mit der Bibliothek und allen Aufzeichnungen. Im gleichen Jahr kehrte er, begleitet von seiner Frau, nach England zurück, erwarb auf der Insel Wight das Shide Hill House in der Nähe von Newport und baute dort eine Erdbebenwarte. Inzwischen hatte man gelernt, Fernbeben zu registrieren.
In der Folgezeit wandte sich Milne ganz der Registrierung und Auswertung von Fernbeben zu. Einer der Milneschen Seismographen wurde von Robert Scott mit in die Antarktis genommen. Milne erfand zwei Methoden, um die Lage des Epizentrums eines Fernbebens zu bestimmen: 1) Mit Hilfe der konstanten Geschwindigkeit der Oberflächenwellen aus den Registrierungen von mindestens vier Stationen, 2) aus der Zeitdifferenz zwischen der Ankunft der Kompressions- und der Scherungswellen an mindestens drei Stationen. Die zweite Methode basiert auf der recht zuverlässigen Laufzeitkurve, die Milne 1900 aufgestellt hatte. Milne nahm einen gleichförmigen, starren Erdkern an, der in 300 km Tiefe beginne. Diesen nannte er Geite. Er sollte im wesentlichen aus Eisen bestehen.
Verhältnismäßig wenig interessierte sich Milne für die Ursache von Erdbeben - auch nicht während seines Aufenthaltes in Japan. Er wußte, daß nicht die Vulkane verantwortlich waren und daß 84% der Bebenherde unter den Ozeanen lagen. Er beschäftigte sich mit dem durch Erdbeben verursachten Bruch von Tiefseekabeln, mit dem Zusammenhang zwischen Erdbeben, Erdmagnetismus und Erdelektrizität sowie der Wirkung von Beben auf Mensch und Tier.
Milne war das, was man einen „Leader in Science" nennt. Für sein Interessengebiet scheute er keine Mühen und Kosten. Dabei war er sehr umgänglich. In Shide empfing er einen Strom von Besuchern. Auch Randgebiete seines Faches förderte er, wie Schwingungsmessungen im fahrenden Zug zum Test von Eisenbahnstrecken. Er schrieb gut und gerne. Unter dem Pseudonym „Mark Kershaw" veröffentlichte er 1886 in London „Colonial Facts and Fictions: Humorous Sketches".
Schriften
Earthquakes and other earth movements, London, 1886.
Seismology, London, 1898.
Literatur
Davison, Charles: The Founders of Seismology, S. 177-202. New York, 1927.
Herbert-Gustav, A. L. und P. A. Nott: John Milne. Father of Modern Seismology. Tenterden, 1980.
Hoover, Lou Henry: A visit in Shide, Bull. Amer. Seismol. Soc., 2, 2-7, 1912.