von Guericke
Guericke, Otto von, * 1602 in Magdeburg, † 1686 in Hamburg; stammte aus einer Patrizierfamilie, studierte Rechtswissenschaft in Leipzig, Helmstedt und Jena und dann Mathematik in Leiden. 1626 Ratsherr in Magdeburg. Nach der Zerstörung Magdeburgs (1629) im Zuge des 30jährigen Krieges arbeitete Guericke als Bauherr beim Wiederaufbau der Brücken und Befestigungsanlagen. Zwischen 1642 und 1660 vertrat er die Stadt bei vielen diplomatischen Missio-nen, 1646 wurde er einer der vier Bürgermeister. 1681 legte er seine Ämter nieder und zog sich nach Hamburg zurück.

1650 erfand Guericke die Luft-pumpe und führte damit Experi-mente beim Reichstag zu Regensburg vor (1654). Diese beeindruckten den Kurfürsten von Mainz so sehr, daß er Guericke die Apparate abkaufte und sie dem Würzburger Mathematiker Kaspar Schott (1608-1676) zur Ausführung weiterer Versuche übergab. Dieser schrieb 1657 darüber eine Veröffentlichung. Auch der von Guericke erdachte und 1657 ausgeführte Versuch mit den Magdeburger Halbkugeln, die 24 Pferde nicht auseinanderreißen konnten, wurde 1664 von Schott bekannt gemacht. Zwei Dinge sind an Guerickes Experimenten bemerkenswert. Einmal die öffentliche Vorführung, ähnlich war es 1850 bei Foucaults Pendelversuch zum Beweis der Erdrotation und 1969 bei der ersten Landung von Menschen auf dem Mond. Alle diese Schaustellungen waren geophysikalische Experimente. Zum anderen demonstrierte Guericke mit seinen pneumatischen Experimenten, wie man große Kräfte fast spielerisch regeln kann. Sie gaben den Anstoß zu einer Entwicklung, aus der später Dampfmaschinen und Verbrennungsmotore hervorgingen.

In der Folgezeit fühlte sich Guericke gedrängt, selbst ein Buch über seine Versuche und deren Interpretation zu schreiben. 1663 war es fertig, erschien aber erst 1672 in Amsterdam: „Experimenta Nova (ut vocantur) Magdeburgica de Vacuo Spatio". Das Werk besteht aus 7 Büchern. Statt einer bloßen Beschreibung der Experimente ist es eine vollständige Kosmographie. Schon die Versuche mit der Luftpumpe hatten nämlich einen philosophischen Hintergrund. Guericke wollte die Beschaffenheit des leeren Raumes zwischen Sonne und Planeten und weiter außen zwischen den Fixsternen studieren. Das 1. Buch gibt einen Überblick über die verschiedenen kosmologischen Systeme (Ptolemaios, Kopernikus, Tycho de Brahe) und die neuen astronomischen Entdeckungen, wobei sich Guericke als Kopernikaner bekennt.

Das 2. Buch enthält philosophische und theologische Betrachtungen über den leeren Raum. Im 3. Buch stehen pneumatische Versuche. Darin wird über die Wirkung des Luftdrucks, seine Änderung mit der Höhe und plötzlichem Luftdruckfall als Vorboten von Unwettern und Sturmwinden berichtet. Guericke hat das alles selbständig gefunden und lernte erst später die diesbezüglichen Arbeiten Torricellis und Pascals kennen.

Das 4. Buch „Über die kosmischen Wirkkräfte, und was von ihnen abhängt" knüpft an Gilbert an. Wie dieser benutzt er eine Modellerde, nur ist es statt einer Magnetkugel eine solche aus Schwefel, die durch Streichen mit der trockenen Hand eine elektrische Aufladung erfährt und „allerlei Schnitzel oder Blättchen von Gold, Silber, Papier, Hopfen oder andere Abschabsel" anzieht und mitnimmt, wenn sie um ihre Achse gedreht wird. „Dergestalt wird uns gewissermaßen die Erdkugel veranschaulicht, die alle Lebewesen und, was sich sonst auf ihrer Oberfläche befindet, durch Anziehung festhält und bei ihrer täglichen Umdrehung im Verlauf von 24 Stunden mit sich herumführt". Der elektrostatische Monopol erzeugt zweifellos ein besseres Modell für das Schwerefeld als es Gilberts magnetischer Dipol tat. Guericke nennt diese Kraft „virtus conservativa terrae", als Erhaltungskraft, „durch die alle irdischen Dinge zu einem einheitlichen Ganzen verschmelzen. Daher darf man sie eigentlich nicht als eine Anziehung bezeichnen, sondern als ein Trachten, ein Verbundensein, eine Einung oder Erhaltung ihrer selbst". Mit ihr verbunden sind eine Reihe anderer Kräfte, die Guericke als „virtutes mundae" zusammenfaßte und weitgehend an seiner Schwefelkugel wiederzufinden glaubte. Alle sind auf einen Wirkbereich - Gilberts „orbis virtutis" - begrenzt.

Das 5. Buch „Der Erdwasserball und sein Begleiter, der Mond" enthält das, was man später der Physikalischen Geographie zuordnete: Größenvergleiche auf der Erde und im Sonnensystem, Meer und Gezeiten, Lufthülle und Erde-Mond-System. Das Buch bringt wenig Originelles, das meiste ist von Varenius oder Kircher entlehnt. Interessant ist der Rahmen, in dem dieser Stoff bei Guericke erscheint. So wie der Luftdruck mittels der Luftpumpe und evakuierter Gefäße erklärt wurde, sollten auch die anderen Erscheinungen auf der Erde erklärt werden - Gilberts geophysikalisches Programm. - Buch 6: „Unser Sonnensystem", Buch 7: „Die Fixsternwelt und ihre Grenzen".

Die „Experimenta nova" hatten zunächst keine große Wirkung. Guerickes Versuche waren bereits durch die Veröffentlichung von Schott bekannt geworden, Leibniz hatte sich durch persönliche Briefe informieren lassen. Der philosophische Gehalt war nicht so aufregend, im Gegensatz etwa zu Bacon oder Descartes. Erst in jüngster Zeit wurde das Werk von deutschen Wissenschaftshistorikern gründlich erschlossen.




Schriften

Experimenta nova (ut vocantur) Magdeburgika de vacuo spatio, Amsterdam, 1672.

Neue „Magdeburgische" Versuche über den leeren Raum, Ostwalds Klassiker 59, 1894.

Otto von Guerickes Neue (sogenannte) Magdeburger Versuche über den leeren Raum, nebst Briefen, Urkunden und anderen Zeugnissen seiner Lebens- und Schaffensgeschichte, hrsg. von Hans Schimank, Düsseldorf, 1968.




Literatur

Basan, W.: Falken über der Stadt. Historischer Roman um Otto von Guericke. Halle, 1956.

Fraunberger, Fritz: Elektrizität im Barock, S.29-40. Köln, 1964.

Hoffmann, F.W.: Otto von Guericke, Bürgermeister der Stadt Magdeburg, hrsg. von J. O. Opel. Magdeburg, 1874.

Jordan, M.: Zwischen Ruhm und Haß. Eine historische Erzählung über den großen Forscher, Diplomaten und Baumeister Otto von Guericke, 3. Aufl. Berlin, 1959.

Krafft, Fritz: Otto von Guericke. Darmstadt, 1978.

Kauffeld, Alfons: Otto von Guericke, Teubner Biographien hervorragender Naturwissenschaftler, Techniker und Mediziner, Bd.11, 1975.

Schimank, Hans: Otto von Guericke, in: Der Natur die Zunge lösen. Leben und Leistung großer Forscher, hrsg. von W. Gerlach, S.53-63. München, 1967.

Schneider-Carius, Karl: Wetterkunde und Wetterforschung. Geschichte ihrer Probleme und Erkenntnisse in Dokumenten aus drei Jahrtausenden, S. 68-71, 74-76. Freiburg/München, 1955.