ErmanErman, Adolf, * 1806 in Berlin, + 1877 in Berlin. Sohn des Physikers Paul Erman (siehe eigene Biographie). Er wurde geprägt von der französischen Kolonie in Berlin, aus der sein Vater stammte und von der weitverzweigten, ursprünglich jüdischen Familie seiner Mutter. Adolf Erman studierte in Berlin und hörte Vorlesungen über Physik bei seinem Vater und Ernst Chladni (1756-1827), über Mathematik und Astronomie bei Jabbo Oltmanns und über Geographie bei Carl Ritter (1779-1859). Studiengenossen waren Franz Neumann und Ermans Vetter Heinrich Wilhelm Dove. Mit dem Geologen Friedrich Hoffmann machte er eine lehrreiche Harzreise. Er promovierte 1826 in Physik und ging anschließend als Volontärassistent zu Bessel nach Königsberg. Mit Bessel zusammen besuchte er 1827 Steinheil in München, mit dem Bessel über das für Königsberg bestellte Heliometer verhandelte.

Von 1828-1830 machte Erman eine Reise um die Erde. Zunächst begleitete er Hansteen und Due bei deren magnetischer Expedition nach Sibirien (siehe Biographie Hansteen). In Kjachta an der Grenze zur Mongolei kehrten die beiden Norweger um. Erman reiste alleine und auf eigene Kosten weiter nach Jakutsk und Ochotsk. Er fuhr über das Ochotskische Meer nach Kamtschatka und durchstreifte die Halbinsel bis nach Petropawlowsk. Hier schloß er sich der russischen Weltumseglung von Fedor Petrowitsch Lütke (1797-1882) an und fuhr mit ihr über Tahiti, um Südamerika herum, über Rio de Janeiro nach Petersburg. Bei seiner Weltreise beobachtete er wie Alexander von Humboldt die ganzen Naturverhältnisse, vor allem aber machte er magnetische und meteorologische sowie geographische Orts- und Höhenbestimmungen. Im Oktober 1830 kam er wieder in Berlin an.

In den folgenden Jahren war Erman mit der Abfassung seines Reiseberichtes beschäftigt. 1834 wurde er außerordentlicher Professor in Berlin. Im gleichen Jahr heiratete er Marie Bessel, die älteste Tochter des Astronomen - Brautwerber war Johann Jakob Baeyer, der spätere Präsident der europäischen Gradmessungen, auch ein Vetter von Erman. Da das Gehalt eines außerordentlichen Professors für den Lebensunterhalt nicht ausreichte, mußte Erman zusätzlich an einem Gymnasium Unterricht erteilen. Weitere Einnahmen verschaffte ihm in den Jahren 1841-1867 die Herausgabe des "Archivs für wissenschaftliche Kunde von Rußland", in dem er selbst veröffentlichte. Sein Vater und sein Schwiegervater bemühten sich vergeblich darum, ihm eine bessere Stelle zu verschaffen. 1842 reiste Erman mit Bessel zusammen nach Manchester zur Versammlung der British Association for the Advancement of Science (BAAS). Auf der Hinreise besuchten sie Gauß in Göttingen. Auch 1845 nahm Erman zusammen mit Dove an der Konferenz der BAAS in Cambridge teil und besuchte eine Magnetikerkonferenz in London. Nach Bessels Tod gab Erman 1852 den Briefwechsel zwischen Olbers und Bessel heraus.

Ein Kapitel in der Biographie über den Vater Paul Erman (Erman, W., 1927) ist überschrieben: „Äußere Mißerfolge des Sohnes". Adolf Erman wurde nicht in die Berliner Akademie aufgenommen und erhielt auch keinen Lehrstuhl. Kleinliche Mißgunst spielte dabei eine Rolle - auch Gauß setzte sich nicht so für ihn ein, wie es Bessel wünschte. Auch politische Gründe spielten mit: Erman galt als liberal, sein Verhalten bei der Revolution von 1848 wurde kritisiert. Aber auch charakterliche Gründe wirkten mit. Alexander von Humboldt, ein scharfzüngiger Kritiker, nannte ihn in Briefen an Schumacher: „Etwas störrisch, besser beobachtend als kombinierend" - „Wenn der Mann nur weniger starr und unbeholfen wäre" - „wie alles Raisonnement des Mannes konfus, wo nicht albern". Es mag an seiner seltsamen Erziehung gelegen haben. Ermans Vater Paul war mit dem Ertrag seines eigenen Lebens unzufrieden und wollte in dem Sohn den „dereinstigen Rächer des eigenen Mißerfolges" heranbilden. Einerseits versuchte er ihm alle Wege zu ebnen, andererseits spornte er ihn unablässig zu wissenschaftlichen Höchstleistungen an. Um jede Ablenkung von der Arbeit zu vermeiden, sollte der Sohn in Königsberg ein Jahr lang keine Briefe von seinem Vater empfangen oder an ihn absenden. Er soll nur ja nicht zu früh heiraten: „Das ist der dümmste Streich, den man begehen kann, bei jedem Beruf, aber ganz vorzüglich beim wissenschaftlichen, so mit dem ersten Schritt in die tiefste Phase des Lebens hinein zu plumpsen!"

Adolf Ermans wichtigste Arbeit für die Geophysik war die Berechnung der Konstanten für die Gaußsche Theorie des Magnetismus. Dabei half ihm Heinrich Petersen (1815-?). Dieser war Lehrer an Gymnasien in Dresden, Coburg und Kiel. In Kiel wurde er 1878 emeritiert. Die erste Veröffentlichung von Erman und Petersen erschien 1848 in Großbritannien, die endgültige Fassung 1874 in Berlin. Petersen hat 1899 noch einmal zusammen mit Georg Neumayer eine Kugelfunktionsentwicklung des Erdmagnetfeldes gemacht.

Erman arbeitete auch über die Wärmeausdehnung des Meerwassers, schrieb über einen Seilbohrapparat und über den möglichen Einfluß eines Meteoritenschwarmes auf das Klima im Mai (den Dove bestritt).

Erman war Geophysiker, noch bevor dieser Name gebräuchlich wurde. Er kam mit vielen Menschen zusammen, die die Disziplinen beherrschten, die im ganzen oder in Teilen in unserem Fach vereinigt wurden: Bessel für Erdfigur und Schwerkraft, Hansteen für den Erdmagnetismus, Franz Neumann für Potentialtheorie, Friedrich Hoffmann für Geologie, Vulkanologie und Erdbebenkunde, Dove für die Meteorologie und Carl Ritter für die Geographie. Zu alledem lebte Erman in der Umgebung Alexander von Humboldts, des universalen Geowissenschaftlers. Erman selbst mehrte, nutzte und verbreitete geophysikalisches Wissen.

Schriften

Reise um die Erde durch Nord-Asien und die beiden Oceane in den Jahren 1828-1830, 1.Abt., 5 Bde., Berlin, 1833-1842; 2.Abt., 2 Bde. nebst Atlas, Berlin, 1835-1841.

Die Grundlagen der Gaußschen Theorie und die Erscheinungen des Erdmagnetismus. Mit Berücksichtigung der Säkularvariation aus allen vorliegenden Beobachtungen. Berechnet und dargestellt von A. Erman und H. Petersen. Herausgegeben im Auftrage der kaiserlichen Admiralität, Berlin, 1874.



Literatur

Erman, Wilhelm: Paul Erman. Ein Berliner Gelehrtenleben 1764-1851, S. 104-105, 169-172, 187-192, 199-205, 216-222. Berlin, 1927.

Peschel, Oskar: Geschichte der Erdkunde bis auf Alexander von Humboldt und Carl Ritter, S. 549-552, 549-552. München, 1865.